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Sprache - Unterdrückung - Tiere
Theoretische Annäherungen an abwertende Sprachgebräuche
Mechanismen der Abwertung
Ähnlich wie im rassistischen oder sexistischen Sprachgebrauch sind es in der Mensch-Tier-Beziehung oft ganz konkrete Mechanismen, die die Abwertung durch Sprache ermöglichen. Ich werde auch auf bestehende Überschneidungen und Parallelen mit diskriminierender Sprache im zwischenmenschlichen Bereich hinweisen.
Im Wesentlichen basiert die Abwertung von Tieren in der Sprache auf der strikten, aber willkürlichen Trennung von Menschen und allen anderen Tieren. Hierin besteht meiner Meinung der ideologische Kern der Unterdrückung von Tieren, der Speziesismus. Während Menschen als rational, geistig, kultiviert und sauber gelten, so werden Tiere dem Instinktgeleiteten, Körperlichen, Naturbezogenen und Schmutzigen zugerechnet. Unter ‘Tiere’ wird alles nicht-menschliche Leben (von Mücke über Karpfen bis hin zu Elefant) subsumiert, das keine Pflanze ist. Es muss also bereits die Kategorisierung in ‘Menschen’ und ‘Tiere’ hinterfragt werden, nicht nur in der Sprache. Korrekterweise müsste also von nicht-menschlichen Tieren die Rede sein.
Wie bereits ausgeführt transportiert Sprache Wertvorstellungen und somit eben auch unser Bild von Menschen und anderen Tieren. Da in unserem Weltbild die Menschen (eigentlich: der männliche, weiße, heterosexuelle, nicht-behinderte, erwachsene Mann) als die Norm gelten, und Frauen, schwarze Menschen, Tiere u.a. immer nur als Abweichung davon beschrieben werden, werden Tiere in unserer Sprache immer als anders und (deswegen) minderwertig dargestellt. Solange Vielfalt nicht akzeptiert ist wird Abweichung von der gesetzten Norm immer als Abwertung empfunden.
Im Folgenden werde ich einige der wichtigsten und auffälligsten Mechanismen darstellen, die es ermöglichen, Tiere in der deutschen Lautsprache abzuwerten:
Benennungen
Körperteile, Handlungen, Gefühle etc. werden bei Menschen und bei Tieren oft unterschiedlich benannt, auch wenn diejenigen Individuen dabei genau dasselbe tun, fühlen etc.. Während Menschen ‘essen’, wird es bei Tieren ‘fressen’ genannt, menschliche Frauen ‘gebären Kinder’ , während nicht-menschliche ‘Junge werfen’, Menschen lieben einander, während es bei Tieren ‘Mutterinstinkte’ sein sollen etc. Tiere werden in diesem Zusammenhang also, trotz vieler Gemeinsamkeiten, nicht nur als grundverschieden von uns Menschen dargestellt. Die für Tiere bereitgestellten Wörter beinhalten generell negative Assoziationen: Wenn ein Mensch „frisst“, dann bedeutet das soviel wie „Der isst ja wie ein Tier“, was eine negative Konnotation beinhaltet.
Mit den unterschiedlichen Benennungen schwingt in dem Fall also auch immer eine unterschiedliche Bewertung mit. Sprache vermittelt in diesem Bereich also einerseits die Andersartigkeit und einhergehend damit die Minderwertigkeit der Bezeichneten.
Entindividualisierung
Wie weit die Macht der Sprache geht, zeigt die Fähigkeit durch Sprache Individualität auszulöschen. Menschen gelten als Individuen, d.h. sie sind einzigartig mit all ihren Eigenheiten und Eigenarten. Gilt jemand als nicht individuell, so verliert er/sie seine Einzigartigkeit und wird somit austauschbar und ersetzbar.
So berücksichtigen Tafeln im Zoo etwa mit der Aufschrift „Der Löwe schläft den größten Teil des Tages“ in keiner Weise die Eigenheiten des hinter den Gitterstäben gefangenen Individuums. Der bestimmte Löwe schläft vielleicht wirklich viel, doch wird dieses eine Tier als Stellvertreter seiner ganzen Spezies dargestellt. Er wird zu einem ‘Exemplar’ seiner Art. ‘Der Löwe’ und ‘Exemplar’, legen also nahe, dass Löwen ohnehin alle gleich, und somit austauschbar wären. In keiner Weise wird darauf eingegangen, dass genau der Löwe, den wir im Zoo vor uns sehen eine bestimmte Vergangenheit, prägende Erlebnisse und individuelle Vorlieben, Ängste etc. hat.
Ähnlich dem beschriebenen Beispiel wurden Juden und Jüdinnen in der nationalsozialistischen Propaganda entindividualisiert, indem sie oft als „der Jude“5 dargestellt wurden. Damit war es möglich, das Mitleid der Bevölkerung gegenüber den jüdischen Mitmenschen zu minimieren bzw. ganz zu unterdrücken. Wenn jemand völlig austauschbar ist, gibt es offenbar kaum mehr Gründe, seine/ihre Existenz zu sichern.
Die Strategie der Entindividualisierung spielt in der Konstruktion von Feindbildern insgesamt eine sehr wichtige Rolle. Um antrainierte bzw. angelernte Handlungsmuster problemlos ausführen zu können, werden schematische Stereotype bestimmter Gruppen (‘der Türke’, ‘die Frau’, ‘der Schwachsinnige’) geschaffen. Wenn ‘der Feind’ kommt wird geschossen, beim ‘Chaoten’ wird zugeschlagen etc. Ein Nachdenken, ob die erlernte Handlung bei einer konkreten Person dann überhaupt angebracht und notwendig ist, wird damit hinfällig.
Verdinglichung
„Mir ist heute etwas vor das Auto gelaufen“: Dieser leider oft geäußerte Satz beinhaltet nicht nur die traurige Tatsache, dass ein Tier durch ein Auto beinahe oder tatsächlich verletzt oder getötet wurde. Er beinhaltet auch eine Wertung, der Tiere auf die Ebene von Dingen stellt. Wenn über tierliche Individuen als ‘etwas’ statt als ‘jemand’ gesprochen wird, verlieren diese alle sie auszeichnenden Eigenschaften und werden zu ‘Etwas’, zu einer Sache. Dinge sind nicht verletzlich und haben keine Bedürfnisse - ganz im Gegenteil zu nicht-menschlichen Tieren.
Wie schon einleitend erwähnt betraf solch eine Verdinglichung während der Zeit der Sklaverei auch Menschen mit SklavInnenstatus: „Der Sklave ist keine Person, sondern ein Ding“, ‘bestätigte’ sogar ein Richter.
Bestimmung des ‘Lebenszweckes’
Das soziale Verhältnis der Unterdrückung prägt den Alltagsverstand in so hohem Maße, dass gängige Wertvorstellungen nur sehr schwer hinterfragt werden können. So kann etwa in Bezug auf die Vergangenheit festgestellt werden, dass als gängige (auch wissenschaftlich belegte) Meinung galt, die Unterdrückten würden nicht mehr um ihrer selbst Willen existierten, sondern ihre Existenz müsse immer einem bestimmten ‘höheren’ Ziel dienen. So rechtfertigte etwa Aristoteles um 300 vor unserer Zeitrechnung die Sklavenhaltung im antiken Griechenland. Seiner Meinung nach wären alle nicht-griechisch sprechenden Menschen (‘Barbaren’, d.h. ‘Stammelnde’) dafür geschaffen, um den Mächtigen zu dienen, also ihre Sklaven zu sein. Ähnliche Beispiele sind bis hinauf in die Gegenwart erkennbar.
Und ganz ähnlich verhält es sich auch in der Mensch-Tier Beziehung: „Wozu sind sie denn sonst da, die Tiere, wenn man sie schon nicht essen soll?“ fragen immer wieder Leute, wenn sie von TierrechtlerInnen darauf hingewiesen werden, dass Fleisch immer Mord bedeutet. Tiere seien ja nun mal ‘Schlachtvieh’, ‘Versuchstiere’, ‘Nutztiere’, ‘Kampfhunde’... Scheinbar sind sie eben dafür da, in Tierversuchen gequält und getötet zu werden, geschlachtet und genutzt zu werden. Mit sprachlichen Bilder wie diesen wird genau dies nahe gelegt. Doch dass Tiere nicht für den Nutzen von Menschen existieren, sondern genauso wie wir, um ihrer selbst Willen leben, das ist innerhalb solch einer sprachlichen Struktur und der dazugehörigen Ideologie nahezu undenkbar.
Euphemismen
Wenn also Tiere in der unterdrückenden, speziesistischen Logik minderwertiger sind als Menschen, wenn sie für die Zwecke von Menschen existieren, dann kann auch all das Leid, das ihnen in unserer Gesellschaft angetan wird, nicht so schlimm sein. Nicht zuletzt durch das Bestreben der tierausbeutenden Industrien selbst (Fleischindustrie, Jagdlobby etc.), die um ihre Einnahmen bangen, wird das Leid, das Tieren jeden Tag in Schlachthöfen, Zoos, Aquarien etc. angetan wird, verschleiert und relativiert. Und dies funktioniert auch über die Sprache, sodass Unrecht gegenüber nicht-menschlichen Tieren verharmlost wird, indem Euphemismen eingesetzt werden, also Formulierungen, die einen Sachverhalt beschönigend oder verhüllend darstellen.
So sprechen KürschnerInnen z.B. von der ‘Fellernte’, wenn sie Nerze umbringen und ihnen das Fell abziehen. Tierversuche werden zur ‘biomedizinischen Forschung’, Mord wird in der Jägersprache zur ‘Kontrolle der Population’ und ‘Fleisch’ ist ein scheinbar anonymes, verpacktes Produkt, das nichts mit Tieren zu tun hat6, anstatt es beim Namen zu nennen und als ‘Leichenteil’ bezeichnet zu werden.
Wie beim letzten Beispiel ersichtlich wird, kann mithilfe der Sprache dazu beigetragen werden, die oft unsichtbar gemachten Tiere und ihre Schicksale zum Thema zu machen und ins Bewusstsein zu rufen. Die klare Benennung von Ungerechtigkeiten, kann oft Menschen zum Nachdenken anregen. So sind etwa die Begriffe ‘Tiergefängnis’ oder eben ‘Leichenteile’ schon weit weniger neutral als ‘Zoo’ oder ‘Fleisch’.
Satzbau und Abstraktion
Im Satzbau ist ein viel subtilerer, aber um nichts weniger wichtiger Mechanismus versteckt, der der Abwertung von konkreten Individuen oder ganzen Gruppen dienen kann. Vor allem bei detaillierten Beschreibungen von Tierversuchen ist klar erkennbar, wie durch einen bestimmten Satzbau, abstrahierten Darstellungen und scheinbar unpersönlichen Beschreibungen die Struktur der Unterdrückung vernebelt oder sogar zur Gänze unsichtbar gemacht wird.
Beispielhaft will ich einen Auszug aus einer Versuchsbeschreibung des bekannten Tierversuchskonzerns Huntingdon Life Sciences zitieren. Es handelt es sich um einen Versuch, der neben anderen Tieren auch an 32 Beagle-Hunden durchgeführt wurde. Dabei wurde ihnen in unterschiedlichen Mengen und über verschieden große Zeiträume das Unkrautvertilgungsmittel Pyrimidifen ins Essen gemischt. Dadurch sollte die Giftigkeit der Chemikalie ermittelt werden. Die Folgen für die betroffenen Hunde waren Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und schließlich der Tod: „...Bei mindestens 0.75 mg/kg/Tag wurde bei männlichen wie weiblichen klinische Zeichen von flüssigem Stuhl, Erbrechen und Speichelfluss während des Behandlungszeitraums festgestellt. Bei 0.15 mg/kg/Tag war das Vorkommen von flüssigem Stuhl etwas größer, aber das individuelle Auftreten war fast das gleiche wie bei der Kontrollgruppe. Es gab keine Unterschiede zwischen der behandelten Gruppe und der Kontrollgruppe in anderen Untersuchungen....“.7
Einerseits gelingt es durch einen bestimmten Satzbau (z.B. Nominalisierung) die TäterInnen, also die VivisektorInnen, auszuklammern - die ‘Eingabe’ erfolgte offenbar ohne das Zutun von Menschen. Andererseits wird durch die abstrakte Darstellung auch das Leid der Hunde relativiert und lässt beinahe vergessen, dass ‘klinische Anzeichen von flüssigem Stuhl, Erbrechen und Speichelfluss’ von Individuen am eigenen Leib erfahren werden mussten.
Ähnlichkeiten bestehen hier zu Darstellungen von rassistischen oder sexistischen Übergriffen im innerhumanen Bereich wie sie oft in Popularmedien zu finden sind, wenn durch die abstrakte Art der Beschreibung die TäterInnen und die Folgen für die Betroffenen ausgeblendet werden.
'Tier’- Metaphern
Wenn nicht-menschliche Tiere abgewertet sind und als das Negative schlechthin gelten, ist es nur logisch, dass es auch mindestens als verwerflich gilt, verwandt mit ihnen oder sogar selbst ‘ein Tier’ zu sein. Darauf basiert die wohl extremste Art der Unterdrückung von Tieren durch die Sprache, die Bezeichnungen für Tiere als Schimpfwörter zu missbrauchen. ‘Schlange’, ‘blöde Kuh’, ‘dreckiges Schwein’, ‘dumme Gans’, ‘faule Sau’, ‘sturer Bock’, ‘Affe’, ‘Schaf’, ‘Spatzenhirn’, all diese Bezeichnungen deuten darauf hin, dass der so benannte Mensch besonders dumm, hässlich, schmutzig oder ähnliches, schlicht wie ‘ein Tier’, sein muss. Dabei muss wohl nicht erwähnt werden, dass es sich dabei keineswegs um reale Beschreibungen von Tieren handelt, sondern sind die den Beschimpfungen mitschwingenden Eigenschaften stets stereotype Darstellungen von Tieren, die meist nur wenig mit der Realität gemein haben. Diese Fülle an verwendeten abwertenden Metaphern sagt wohl einiges über den Status von nicht-menschlichen Tieren in unserer Gesellschaft aus. Tiere gelten nicht nur als nieder, eklig, instinktgesteuert und nicht individuell, sondern es ist offenbar auch gefährlich, ihnen (scheinbar) ähnlich zu sein. Schon 1969 stellte der deutsche Soziologe Theodor W. Adorno fest: „Die stets wieder begegnende Aussage Wilde, Schwarze, Japaner glichen Tieren, etwa Affen, enthält bereits den Schlüssel zum Pogrom.“8 Und auch heute noch, sind im rassistischen oder antisemitischen Sprachgebrauch sog. Tier-Metaphern äußerst weit verbreitet. Im extremsten Fall, so in der Sprache der neonazistischen Medien, dienen sie sogar dazu „Ekel hervorzurufen und die Vernichtungshemmungen zu senken“9. Doch auch in der Alltagssprache ist zu erkennen, dass als ‘Ratten’ oder ‘Asseln’ bezeichnete Menschen, in mancher Hinsicht schon grundlegende Menschenrechte abgesprochen werden.
Die verhältnismäßig geringe Zahl der positiven ‘Tier’-Metaphern, wie etwa ‘bärenstark’ oder ‘fleißig wie eine Biene’, dienen zwar nicht der Abwertung, sie vermitteln aber ein um nichts weniger verzerrtes und stereotypes Bild von Tier-Individuen. Menschliche Eigenschaften werden mit allen damit in Verbindung gebrachten Motivationsgründen etc. 1:1 auf Tiere übertragen, die allerdings gemäß der Umstände eine völlig andere Lebensrealität erfahren.
Metaphern wie „...sie behandelten uns wie Tiere“ oder das „menschliche Versuchskaninchen“, sind ebenso wie vorangegangene Beispiele immer nur in einem Kontext verständlich, in dem Tieren alle möglichen Gewalttaten angetan werden. So prangern diese Aussagen zwar die nicht Menschen-gerechte Behandlung der ‘menschlichen Versuchskaninchen’ an. Allerdings wird in keinem Wort erwähnt, dass die Tiere, welche zum Vergleich herangezogen werden, genauso unter den Misshandlungen zu leiden haben. Tierliche Bedürfnisse und Interessen werden also einmal mehr den menschlichen untergeordnet bzw. völlig ignoriert.
Die Macht zur Veränderung
Zwar mag es mit Sicherheit eine Menge weiterer sprachlicher Mechanismen geben, durch die es ermöglicht wird, Tiere, aber wie wir gesehen haben, oft auch Menschen, zu diskriminieren. Doch ist, gerade im deutschen Sprachraum, diese Thematik erst so wenig behandelt worden, dass Analysen wie diese hier nur ein Anfang sein können.
Hoffentlich ist es gelungen, zumindest ansatzweise zu vermitteln, wie gewaltig und umfassend die Wirkung der Sprache in Unterdrückungsverhältnissen ist, dass durch sie Macht und damit Gewalt ausgeübt werden kann. Doch in dieser Macht stecken auch viele Möglichkeiten.
Die direkte Benennung von Ungerechtigkeiten kann ein guter Weg der Konfrontation und Anregung von Diskussionen sein. Eine ungewohnte Art der Verwendung der Sprache kann verwirren, aber auch zum Denken anregen. Zwar ist die Sprache keineswegs der Hebel, der alleine alle Ungleichheiten ins Wanken bringen wird. Sprache entsteht und verändert sich u.a. in Interaktion mit unseren sozialen Beziehungen, die sich wiederum ständig umstrukturieren. Und gerade deswegen darf Sprache auch nicht als eine nach außen abgeschlossene Einheit verstanden werden. Weil sie ohnehin einem ständigen Wandel durch verschiedenste Einflüsse unterzogen ist, liegt gerade darin ihr Potential der positiven Veränderung.
Nun liegt es an uns, uns dieses Potential zu Nutze zu machen und den weiteren Wandel der Sprache in eine Richtung zu lenken, die der Individualität und der Lebensrealität der nicht-menschlichen Tiere, und natürlich auch aller Menschen, gerecht wird. |